Presseartikel

07. Mai 2007, Neue Westfälische

Lebendigkeit des Augenblicks

Jazzgrößen geben sich im Forum des Gymnasiums ein Stelldichein

Schloß Holte-Stukenbrock. 14 Stunden Swing und Groove, anspruchsvolle Improvisationen und begeisternde Soli: Christoph Leo strahlt amEnde eines langen Tages. Die Strapazen der monatelangen Vorbereitungen sind vergessen. Allein das Ergebnis des ersten ostwestfälischen „Jazztival“ zählt. Und das konnte sich mehr als hören lassen.

Leo ist Vollblutmusiker und in der Jazzszene zuhause wie kaum ein anderer. Also hat der 42-Jährige seine Kontakte inKooperationmit der Stadt und insbesondere Schulamtsleiter Olaf Junker spielen lassen.Viele Größen folgten seinem Ruf nach Schloß Holte-Stukenbrock und verwandelten das Forum des Gymnasiums in eine swingende Jazzstube.

Die Musiker sahen sich keinen Zuschauermassen gegenüber, erst am Abend wurde es voller. Sicher auch, weil dasKonzept wachsen und die Erkenntnis reifen muss, dass Jazz in der Gegend viele prominente Namenhat. Diejenigen, die kamen, erlebten ungeahnte Dimensionen an Inspiration und Ausdruck, an Lust und Leidenschaft. Diejenigen, die nicht kamen, verpassten furiose Darbietungen, gespickt mit vielen Soli. Als die Zeiger der Uhr bereits Richtung Mitternacht zeigten, gipfelten die leidenschaftlichen Auftritte in den eigenwilligen Kompositionen und Standards aus verschiedenen Bereichen und Epochen des Jazz, präsentiert vom„Buggy Braune, Oliver Groenewald-Quintett“.

Bereits zuvor hatte die von Groenewald geleitete Big Band der Musikhochschule Detmold, ein klassisches Jazzorchester, eigene Akzente gesetzt. Mit ebenso spritzigen Arrangements rund um den Modern Jazz und brillanter Leichtigkeit versprühte auchdas mitdenrenommierten ostwestfälischen Jazzmusikern Hans-Hermann Rösch, Kurt Studenroth, Axel Senge, Christoph Leo, Christian Kappe, Tobias Held und Jens Heisterhagen besetzte „Hans-Herrmann Rösch-Septett“ pure Lebensfreude.

Studierende der Hochschule für Musik Detmold präsentierten ihren individuellen Umgang mit der Jazzmusik. Und auch die Big Band „Bi-Bop“ der Musikund Kunstschule Bielefeld unter der Leitung des Münsteraner Posaunisten Stefan Schulze setzte die beim Jazz so wichtige Mischung aus musikalischer Perfektion und darauf fußender kreativer Souveränität eindrucksvoll um.

Von Swing bis Funk, zwischen Melodieformeln und Akkordverläufen bewegte sich bereits zu Beginn des Samstags die „OWL Big Band II“ um den Kanadier Shawn Grocott, der später auch in anderen Formationen zur Posaune griff. Organisator Christoph Leo war selbst in den meisten Bands, die sich ein Stelldichein im Forum gaben, vertreten. Alle Formationen an diesem hochkarätig besetzten Abend lebten vom Augenblick der Improvisation, die für den Jazz so wichtig ist.

Immer wieder spendete das Publikum den exzellenten Solisten Szenenapplaus. Beifall erhielten schon am Morgen die 15 Gäste, die sich bei einem Workshop zu Christoph Leo und seiner Big Band des Musikvereins Oerlinghausen gesellten. Während die Tonmeister Sebastian Kienel und Sebastian Roderfeld noch Kabel, Kisten, Gestänge und Mischpult schleppten, schmolzen versierte Spieler und solche, die zum ersten Mal in einer Big Band saßen, für die Dauer von drei Stücken zur Einheit zusammen.

Am Nachmittag wurden die Ergebnisse etwa beim legendären „Oyecomoca“ oder Herbie Hancocks „Cantaloupe Island“ präsentiert. „Jeder soll Spaß am Spielen haben“, erläuterte Christoph Leo seinen Ansatz. Und der 42-Jährige war sichtlich überrascht, über den „schönen runden Klang“, der prompt entstand.

„Mit anderen Musikern zusammenzuspielen, ist immerinteressant. JedeBandhat ihren eigenen Stil“, verriet Friedemann Bohlen (43) aus Gütersloh, warum er sich gemeldet hatte. Altsaxophonistin Larissa Take aus Enger fand es „klasse, dass Christoph Leo die Gäste so integriert“, denn die 18-Jährige durfte sich sofort als Solistin versuchen.

Auch die vielen positiv erstaunten Reaktionen der Besucher sind Motivation für Christoph Leo, ein weiteres „Jazztival“ zu organisieren. Dann allerdings wohl eher auf den Abendbereich konzentriert „und zu einer anderen Jahreszeit, in der wir nicht mit dem Grillwetter konkurrieren müssen“.

von Karin Prignitz