Presseartikel

07. Mai 2007, Westfalen-Blatt

Augen zu und treiben lassen

Erstes »Jazztival« im Forum des Gymnasiums – Profis und Nachwuchs

Die Trompeten- und Posaunengruppe der OWL-Nachwuchs-Big-Band während ihres Auftritts.

Das Beste zum Schluss: Club-Atmosphäre verbreiten Buggy Braune, Phil Steen, Sandra Hempel, Kai Busenius und Oliver Groenewald, als ihre Formation am späten Abend auftritt und überwiegend Eigenkompositionen spielt.

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). »Wollen Sie nicht etwas näher kommen?« Die Aufforderung von Professor Oliver Groenewald zu vorgerückter Stunde verhallte ohne Reaktion. Das versprengte Häuflein Zuschauer, das bis zum Schluss des ersten »Jazztivals« ausgehalten hatte, traute sich nicht mehr. Trotzdem kam im Forum des Gymnasiums kurzzeitig so etwas wie Club-Atmosphäre auf.

Augen zu und treiben lassen, das galt vor allem für den letzten Act dieses Tages, das Buggy-Braune/ Oliver-Groenewald-Quintett. Zum Beispiel bei dem Titel »Silence But You«, den Buggy Braune selbst geschrieben hat, und der doch ein wenig wie aus einem Hollywood-Gangster-Film der 30er-Jahre klingt. Ein komplexes Klangerlebnis, das leise und fast beschaulich beginnt und langsam Fahrt aufnimmt. Man sieht vor dem inneren Auge förmlich die Leuchtreklame auf nächtlichen Straße vorbei ziehen und kann sich mit ein wenig Fantasie auch in einen verrauchten Jazzclub versetzen. Schlagzeuger Kai Busenius hat den ganz weichen Besen herausgeholt und streichelt Becken und Trommel, Buggy Braunes Finger huschen über das Keyboard, näselnde Töne aus Groenewalds gedämpfter Trompete – man driftet in die Unendlichkeit. Die fünf Musiker können aber auch anders, der nächste Titel »Jaja« (». . . ist »gestern erst fertig geworden«) weckt einen wieder auf, das Schlagzeug lässt mit einem fast harten, präzisen Rhythmus nicht locker.

Feine Ironie scheint bei ihm dazu zu gehören: Als Oliver Groenewald an diesem Abend auf der Bühne steht, erklärt er »Wir freuen uns über so viel Publikum« – immerhin sind die aufgestellten Stühle da noch zu etwa zwei Dritteln besetzt. Wie auch immer er das gemeint hat, er und seine Musiker geben alles, man merkt, hier spielt erste Liga: Die Big Band der Musikhochschule Detmold entrollt einen Klangteppich mit fast allen Webmustern des Jazz, dazu im Mittelteil fast jedes Stückes die beliebten Soli: Bassist Jens Heisterhagen arbeitet sich auf seinem Instrument fast bis zur Erschöpfung ab, und bei »Night In Tunesia « gibt es ein Wechselspiel zwischen Peter Schröder (Trompete) und Christoph Leo (Posaune), letzterer ist übrigens der Initiator der Veranstaltung und selbst Big-Band-Leader. Groenewald selbst ist sich nicht zu schade, auch mal etwas zu erklären, zum Beispiel, dass das Stück »Mental Images« von Robin Eubanks in einem 26-Achtel-Takt gespielt werden soll. dass die Band es aber im 7-Viertel/6-Viertel-Takt spielen wird – naja.

Die Spielfreude merkt man auch der Hochschulcombo der Musikhochschule Detmold und dem Hans-Hermann-Rösch-Septett an, das den mittleren Teil des Abends bestreitet. Eigenkomposition wechseln mit denen der klassischen Jazzgrößen. Cole Porter, Charly Parker, Peter Herbolzheimer, Count Basie, That Jones und natürlich der unvergessene Duke Ellington, sie alle sind sowieso den ganzen Tag präsent, auch als am Nachmittag die Big Bands spielen, in denen die hoffnungsvollen Nachwuchsmusiker zu überzeugen wissen.

Der kanadische Posaunist Shawn Grocott leitet so eine Band: Es fetzt los mit dem Klassiker »In The Mood«, wird dann lyrisch mit »A Nightingale Sang In Berkley Square» und nimmt wieder Fahrt auf mit »Satin Doll« und »Sweet Georgia Brown«. Auch die Big Band der Musikschule Bielefeld unter Stefan Schulze, die an diesem Tag ihren zweiten Auftritt hinlegt und so ungewöhnliche Stücke wie die Titelmelodie aus der 70er-Jahre Krimiserie »Shaft« im Repertoire hat, zeigt: Der Nachwuchs hat's drauf. Auch wenn das Glanzlicht ganz klar der Abend ist, der Nachmittag konnte sich daneben durchaus sehen lassen, den übrigens das St.-Johannes-Jugendblasorchester eröffnet – vor verschwindend wenig Publikum. »Wir waren in der Überzahl«, sagt Dirigent Axel Malz. Spaß gemacht habe es trotzdem. Das Orchester spielte aus seinem Repertoire »American Marches«, »Sinatra In Concert«, »Mister Dixie«, »When The Saints« und mehr.

Von Matthias Kleemann (Text und Foto)